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Wir sind nicht allein

Das Spannungsverhältnis zwischen (Meinungs-) Freiheit und 'Konvention'

Die Justiz ist, so notwendig, wie sie ist, in allen Ländern ein Gefahr für Recht und Freiheit. Sie bedarf überall unbedingt der öffentlichen Kontrolle.

Die dpa-Tochter news aktuell (früher ots = Originaltextservice) und ihre Berührungsängste mit dem Beschwerdezentrum - Berufsverbote gegen Rechtsanwälte wegen ihrer Ausdrucksweise vor Gericht - eine ausufernde Zahl von Prozessen gegen Justizkritiker - Schikanen gegen Bürgerrechtler, die sich nicht an Kleiderordnungen halten wollen ... - erst am Umgang mit 'Abweichlern' erweist sich, wie 'frei' eine Gesellschaft wirklich ist.

Es gibt in der deutschen Justiz
zu viele machtbesessene, besserwissende und leider auch unfähige Richter,
denen beizukommen offenbar ausgeschlossen ist.

Ex-OLG-Richter Dr. Egon Schneider
(Zeitschrift für anwaltliche Praxis' 6/1999 vom 24.3.1999, S. 266)

 Die USA sind uns mal wieder weit voraus: Staatsanwälte zwingen neuerdings Journalisten vor Gericht, ihre Quellen und Informanten zu verraten. Journalisten, die sich diesem Ansinnen widersetzen, werden kriminalisiert, müssen gar mit Haftstrafen rechnen. (Siehe Wer schweigt, hat Schuld, DER SPIEGEL 11/2005, S. 100 ff) In Deutschland ist das -noch- anders: Dort gibt es ein allgemein gültiges Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten. Doch damit sind die Unterschiede auch schon erschöpft.

 Denn wenn es um die Ahndung von 'ungehörigem Benehmen' geht, dann sind sich die USA und Deutschland, dann sind sich vielleicht die meisten Nationen dieser Welt sehr ähnlich. Am Montag den 10. 1. 2005 standen in Hempstead im Staate New York Carl Lanzisera (65) und Harvey Kash (70), Gründer der Bürgerrechtsbewegung Americans for Legal Reform (siehe Foto oben), vor dem Gerichtsgebäude und warteten auf Einlass. Kash sollte sich wegen Trunkenheit am Steuer vor Gericht verantworten und Lanzisera begleitete ihn als das, was wir im Beschwerdezentrum einen Prozessbeobachter nennen. Kash und Lanzisera sind der Meinung, dass es in den USA zu viele korrupte Richter, Staatsanwälte und Verteidiger gebe. Es ist zu befürchten, dass sie damit richtig liegen (wir vom Beschwerdezentrum würden ergänzen: und Gerichtssachverständige, siehe die Datenbank für Gerichtsgutachter). Und während sie dort vor dem Gerichtsgebäude auf Einlass warten, vertreiben sie sich die Zeit mit ein paar Juristenwitzen. Etwa den: "Wie grüßt man einen Juristen mit einem Intelligenzquotienten von 50? Guten Tag, Euer Ehren." Ein Anwalt, auf dem Weg zum Gericht, hört das und ruft empört: "Hören sie auf damit! Ich bin Anwalt!" Die beiden quittieren diese Aufforderung mit einem weiteren Juristenwitz: "Wie nennt man einen Anwalt, begraben in 30 Meter Tiefe? Ein gute Lösung." Im Gerichtsgebäude sind beide ziemlich überrascht, dass ihnen tatsächlich Handschellen angelegt werden: Der Anwalt hat Anzeige gegen sie erstattet wegen 'ungehörigen Benehmens' - und bei so etwas wird auch in den USA nicht lange gefackelt! Eigentlich hätten sie mit so etwas doch rechnen müssen, bei der (offenbar zutreffenden) Meinung, die sie von der Justiz in den USA haben. - Eine Jury entscheidet später zwar (übrigens unter Ausschluss der Öffentlichkeit), keine Anklage zu erheben, aber es ist geschehen! Was in England vermutlich höchstens bei 'Beleidigung der Majestät' möglich wäre, geschah hier (im Staate New York in den Vereinigten Staaten von Amerika), weil ein popeliger Rechtsanwalt sich durch einen Juristenwitz beleidigt fühlte: Zwei Bürgern dieses ach so 'freien Landes', in dem 'Freedom of Speach' offiziell einer der höchsten Werte sein soll, wurden wegen eines Juristenwitzes Handschellen angelegt und sie wurden verhaftet. Das finden auch die Amerikaner selbst nicht wirklich gut (siehe den Zeitungsbericht Apparently, some lawyers just can't take a joke).

Zum zweiten Mal Zensur durch die dpa-Tocher news aktuell
Ist es Feigheit, oder ist es Arroganz?

 Die größte und damit bedeutsamste Nachrichtenagentur in Deutschland ist die Deutsche Presseagentur (dpa). Zusammen mit anderen Nachrichtenagenturen aus dem In- und Ausland ist sie die Hauptinformationsquelle für Journalisten. Auch Unternehmen, politische Organisationen, staatliche Stellen und PR-Agenturen haben die Möglichkeit, sich der Verbreitungskanäle der dpa zu bedienen, um Kontakt zu Journalisten bzw. zur Öffentlichkeit herzustellen. Dafür ist der "Originaltextservice" (ots) zuständig, ein Tochterunternehmen der dpa-Firmengruppe. Dieses Tochterunternehmen heißt heute 'news aktuell' (na). Für 290 Euro darf man dort 'Werbung in eigener Sache' machen. Aber nicht jede Nachricht hat eine Chance. Das musste zum Beispiel das Schwulenmagazin 'Du&Ich' erfahren, aber auch das Beschwerdezentrum. Vor beinahe genau einem Jahr versuchte auch die Redaktion des Beschwerdezentrums, sich der Verbreitungskanäle der dpa zu bedienen, aber das ging gündlich schief (siehe unseren Bericht Zensur durch Redakteure der dpa-Tocher news aktuell vom 15. April 2004).

 Da der Leiter des Beschwerdezentrums, Dr. Peter Niehenke, noch in einer Reihe anderer Funktionen tätig ist, die mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun haben, hatte er ein paar Monate später dann ein Erfolgserlebnis: Es gelang ihm, durch news aktuell eine von ihm verfasste Nachricht verbreiten zu lassen. (Siehe Deutsche Akademie für Astrologie gegründet) Zugegeben: Diese Nachricht, so interessant sie ja für Astrologen und Astrologie-Interessierte war, war natürlich eine wahrlich harmlose Nachricht ohne jede politische oder gesellschaftliche Brisanz. Aber immerhin: Dr. Niehenke hatte damit den Beweis, dass auch er in der Lage ist, Nachrichten so zu formulieren, dass news aktuell sie akzeptiert.

 Mehr noch: News aktuell schien die geschäftlichen Beziehungen zur Deutschen Akademie für Astrologie weiter intensivieren zu wollen, und so meldete sich ein paar Monate später im Auftrage von news aktuell ein sehr netter Herr mit Namen Holtz. Er wollte weitere Aufträge acquirieren. Dr. Niehenke erläuterte ihm, dass er mit einer Agentur, die nur Berichte über Jubiläen, die Vorstellung neuer Automodelle oder die Eröffnung einer Akademie zulasse, nicht gern zusammen arbeiten würde. Er erklärte dem geduldig zuhörenden Herrn Holtz seinen Frust und machte ihn sogar auf die Glosse im Beschwerdezentrum (siehe den Link weiter oben) aufmerksam. Herr Holtz rief wieder an und meinte, das sei einfach unglücklich gelaufen und es läge ein Missverständnis vor.

 Anfang März nun sprach Herr Holtz erneut telefonisch bei Dr. Niehenke vor. Er wollte ganz offensichtlich einen neuen Auftrag acquirieren. Dr. Niehenke meinte zu ihm, dass er news aktuell nur dann benutzen würde, wenn es keine andere Möglichkeit gebe. Aber Herr Holtz ist ein 'guter Mann' und konterte: "Noch immer böse? Lassen Sie doch die Vergangenheit Vergangenheit sein!" Er erläuterte, dass es sich damals um ein bedauerliches Missverständnis gehandelt habe. Dr. Niehenke meinte, dass er ohne Weiteres bereit sei, den 'alten Streit' zu vergessen, wenn sich die Verhältnisse tatsächlich geändert haben sollten. Ob Holtz denn meine, dass es heute tatsächlich möglich sei, einen Artikel zu einem Thema aus dem Beschwerdezentrum zu publizieren. Holtz war sich sicher, dass das gar kein Problem darstelle. Er nahm sogar Rücksprache. Und der Tenor war: news aktuell verbreitet keine 'Meinungen', sondern 'Nachrichten'. Ein Artikel, der einfach Fakten berichte, sei kein Problem. Etwa zwei Wochen später ergab sich eine Gelegenheit, das zu testen. Die Neuerscheinung eines Buches von 'Staranwalt' Rolf Bossi bot wegen der von Bossi in Interviews geäußerten massiven Kritik an der deutschen Justiz einen guten Aufhänger, auf die Richterdatenbank aufmerksam zu machen. Und so schickte Dr. Niehenke dem freundlichen Herrn Holtz folgende Mail:

Deutsche Akademie für Astrologie und www.beschwerdezentrum.org
Ihr Telefonanruf vom 23. 3. 05

Sehr geehrter Herr Holtz

Vor ein paar Tagen hatten wir ein angenehmes Gespräch, wie Sie sich sicher erinnern. Vielleicht haben Sie sogar inzwischen Zeit gefunden, sich die Seiten www.richterdatenbank.org einmal anzusehen, von denen wir sprachen.

Diese Seiten sind auch der Grund meiner Mail. Ich möchte über na eine Meldung verbreiten lassen, in der ich die Richterdatenbank vorstellen will. Anlass ist ein im Eichborn-Verlag neu erschienenes Buch von ‘Staranwalt’ Rolf Bossi, in dem dieser schwerste Vorwürfe gegen die deutsche Justiz und speziell gegen Richter erhebt (siehe http://www.eichborn.de/s2/default.asp?SeID=4193994406624971326032005042419&id=16&tid=1470). Das Buch macht momentan ziemlich Furore (es wurde unlängst in ‘Kulturzeit’ bei 3SAT vorgestellt, es gibt eine ganze Reihe von Presseberichten etc.). - Diese Neuerscheinung ist der ideale Aufhänger, um auf unsere Richterdatenbank aufmerksam zu machen.

Bevor ich nun eine Stunde an einem Text feile, möchte ich mich zunächst versichern, ob ein solcher Text auch erscheinen würde. Die Überschrift soll heißen: “Datenbank für Richtersünden” Es soll Bezug genommen werden auf die Neuerscheinung von Staranwalt Bossi (mit ein paar Zitaten von ihm), es würden ein paar Zitate von Richtern gebracht (Ex-OLG-Richter Dr. Egon Schneider: “Es gibt in der deutschen Justiz zu viele machtbesessene, besserwissende und leider auch unfähige Richter, denen beizukommen offenbar ausgeschlossen ist.” und Richter am Bundesgerichtshof Nescovic: “Die deutsche Rechtsprechung ist schon seit langem konkursreif.”) und dann ein Text, der ungefähr diese Richtung hätte: “Es gibt nur sehr, sehr wenige Studien, die die Frage der Qualität unserer Rechtsprechung zum Inhalt haben. Das ist verständlich, denn schon die Frage, was man denn unter ‘Qualität’ im Falle der Rechtsprechung verstehen will, ist nicht gerade einfach zu beantworten. Eine ehemalige Richterin, jetzt Dozentin an einer Hochschule, die früher als Richterin an einem Amtsgericht in München arbeitete, berichtete in einem Interview von dem Ergebnis einer internen Studie, die vor etwa 10 bis 15 Jahren an einem Münchener Amtsgerichts durchgeführt worden war. Das erschütternde Ergebnis dieser Studie: Etwa 10 % der überprüften Urteile an diesem Amtsgericht waren grob rechtsfehlerhaft! Jeder zehnte Bürger, der mit diesem Gericht zu tun hatte, ist also ein ‘Opfer der Justiz’. Die Richterdatenbank (www.richterdatenbank.org) soll helfen, den (offensichtlich desolaten) Zustand der Justiz in Deutschland objektiv zu dokumentieren. Vor allem aber dient sie dem Ziel, den im Grundgesetz verankerten Grundsatz, dass die Justiz durch die Öffentlichkeit KONTROLLIERT werden muss, effektiver als bisher konkret umzusetzen.”

Ich würde mich freuen, bald von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen

 Zur Freude von Dr. Niehenke rief Herr Holtz ein paar Tage später tatsächlich an und meinte, er habe mit der Redaktion Rücksprache genommen und ein solcher Text, wenn er 'sachlich' gehalten sei, wenn er also eine 'Nachricht' und kein 'Kommentar' sei, sollte kein Problem sein. Daraufhin sandte ihm Dr. Niehenke folgenden Textvorschlag:

Unser Telefonat von heute, 30. 3. 2005

Sehr geehrter Herr Holtz

Hier der von mir angekündigte Textvorschlag. Es sind nach meiner Zählung exakt 300 Wörter.

Datenbank für Richtersünden

In seinem neu erschienen Buch „Halbgötter in Schwarz“ erhebt ‚Staranwalt’ Rolf Bossi schwere Vorwürfe gegen die Justiz: Viele Richter, so Bossi, unterschlagen Beweise, lassen Widersprüche einfach weg und verdrehen Aussagen. Mit diesem erschütternden Urteil steht Bossi nicht allein. Scharfe Kritik kommt aus den Reihen der Richter selbst. Der in Juristenkreisen hoch angesehene ehemalige Richter Dr. Egon Schneider bringt es auf den Punkt: “Es gibt in der deutschen Justiz zu viele machtbesessene, besserwissende und leider auch unfähige Richter, denen beizukommen offenbar ausgeschlossen ist.”

Nur sehr wenige Studien haben die ‚Qualität unserer Rechtsprechung’ zum Gegenstand. Das ist verständlich, denn schon die Frage, was man unter ‘Qualität’ im Falle der Rechtsprechung verstehen soll, ist nicht einfach zu beantworten. Eine ehemalige Richterin, jetzt Dozentin an einer Hochschule, die früher an einem Amtsgericht in München arbeitete, berichtete in einem Interview mit dem Beschwerdezentrum (siehe www.beschwerdezentrum.org) von dem Ergebnis einer internen Studie, die vor etwa 10 bis 15 Jahren an diesem Amtsgerichts durchgeführt worden war: Etwa 10 % der im Rahmen dieser Studie überprüften Urteile waren grob rechtsfehlerhaft! Jeder zehnte Bürger, der mit diesem Gericht zu tun hatte, wurde also ein ‘Opfer der Justiz’.

Bossi und Juristen wie Dr. Schneider sind sich einig: Unsere Justiz braucht mehr öffentliche Kontrolle. Auf Initiative des Bürgerrechtlers und Justizkritikers Dr. Peter Niehenke wurde ein in Deutschland (und vermutlich weltweit) einmaliges Projekt ins Leben gerufen: Die Richterdatenbank (www.richterdatenbank.org). Der Sinn dieser Datenbank besteht darin, den - offensichtlich desolaten - Zustand der Justiz (in Deutschland) objektiv zu dokumentieren. (Fast) alle deutschen Richter sind in dieser öffentlich zugänglichen Datenbank erfasst. Wenn Justizopfer einen/ihren Fall melden, werden die Fallbeschreibungen von der Redaktion geprüft und jeder Fall wird ausführlich dokumentiert, so dass sich jeder Nutzer der Datenbank selbst ein Urteil über das kritisierte Gerichtsverfahren bilden kann.

 Nach diese Mail hört Dr. Niehenke nichts mehr von Herrn Holtz. Keine Absage, keine Zusage. Schweigen. Am 1. April fragte er noch einmal in einer kurzen Mail nach: "Ob es MIR bei Ihnen jetzt auch so geht wie dem Rechtsassessor Schmidt in diesem Beitrag, der dasselbe sagt wie Bossi, dafür aber Berufsverbot kassierte?" (Zum Fall von 'Rechtsassesor Schmidt siehe unten). Aber der freundliche Herr Holtz durfte nicht mehr antworten. Statt einer Antwort von Herrn Holtz erhielt Dr. Niehenke ein höchst offizielle Mail seiner Vorgesetzten:

Sehr geehrter Herr Dr. Niehenke,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir grundsätzlich keine Aufträge
von Privatpersonen annehmen. Aus diesem Grunde können wir Ihre aktuelle
Meldung "Datenbank für Richtersünden" nicht verbreiten. Wir möchten Sie
bitten, von weiteren Aufträgen abzusehen.


Wir danken für Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

--
Inés Vidaurre-Feemers
Customer Relations Manager, Political & Social Organisations
news aktuell GmbH - Ein Unternehmen der dpa-Firmengruppe
Mittelweg 144, 20148 Hamburg

Tel: +49 (0) 40-4113-2772
Fax: +49 (0)40-4113-2855
vidaurre@newsaktuell.de
www.newsaktuell.de

+++ news aktuell - Ihre Nachricht kommt an +++

 Welch eine Heuchelei! Kein Wort hatte Herr Holtz darüber verloren, dass man keine Aufträge von 'Privatpersonen' annehmen würde. Und davon abgesehen ist das Beschwerdezentrum keine 'Privatperson'. Es ist genau so wenig eine 'Privatperson' wie die privatwirtschaftlich organisierte 'Deutsche Akademie für Astrologie', deren 'Verlautbarung' problemlos akzeptiert wurde. - Die Frage stellt sich: Was ist das wirkliche Problem? Warum scheut sich news aktuell (zum zweiten Male), eine Meldung des Beschwerdezentrums zu verbreiten? News Aktuell ist, dass weiß doch jeder Empfänger dieser Nachrichten, für den Inhalt nicht selbst verantwortlich, weil die Texte in der Verantwortung der Auftraggeber liegen. Der vom Beschwerdezentrum vorgeschlagene Text ist mit absoluter Sicherheit rechtlich in keiner Weise zu beanstanden. Er ist auch moralisch in keiner Weise zu beanstanden (kein Rassismus, keine Diskriminierung etc.). Er zitiert anerkannte juristische Größen mit sehr pointierter Kritik an der Justiz. Ist das der Grund für die Zurückhaltung von news aktuell? Ist denen die Sache zu heiß? Oder sind die so 'staatstragend', haben die eine Aversion gegen das 'anarchistische Element', dass zweifellos in jeder justizkritischen Seite liegt?

Psychiatrisierung als Waffe gegen Abweichler

 Wir berichten hier über Vorgänge in Deutschland, und zwar dem Deutschland kurz vor und nach der Jahrtausendwende. Es geht nicht um Vorgänge in einem totalitären Staat, nicht um Vorgänge der Vergangenheit. Es sind Dinge, die in der Gegenwart passieren.

 Weil Rechtsanwalt Friedrich Schmitt dem Präsidenten eines Oberlandesgerichts ein 'faschistoiden Rechtsverständnis' vorgeworfen hatte, verlor er im Jahre 1984, nach neun Jahren anwaltlicher Tätigkeit, seine Anwaltszulassung. Weil man aber einen so gravierenden Eingriff in ein Grundrecht (freie Berufsausübung) unmöglich damit begründen konnte, dass ein Oberlandesgerichtspräsident sich beleidigt fühlte, musste eine Begründung gefunden werden, die den Anschein der Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten in der Lage war. Man entschied sich für ein Mittel, das perfider nicht sein kann und zu den übelsten Praktiken totalitärer Staaten gehört: Rechtsanwalt Friedrich Schmitt wurde für 'geisteskrank' erklärt (ein Klick auf die nebenstehende Grafik führt Sie zu einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. 3. 2005). So ungeheuerlich dieser Vorgang ist, dieses Vorgehen ist leider nicht ungewöhnlich in Deutschland, und, was noch viel schlimmer ist, es passiert häufiger, als die Öffentlichkeit sich träumen lässt. Könnte man diese ungeheuerliche Behauptung, die wir hier aufstellen, nicht belegen, dann wäre diese Behauptung verantwortungslos, aber diese Behauptung ist belegbar! (Siehe unseren Bericht Wie nachweislich Gesunde von skrupellosen Medizinern und Juristen für 'geisteskrank' erklärt werden. Siehe auch, aus aktuellem Anlass, einen Bericht über einen 'sensiblen' Richter, der durch eine Verteidigungsrede von Rechtsanwalt Claus Plantiko die 'Würde des Gerichts' verletzt sah und den Anwalt im Gerichtssaal verhaften und in Handschellen abführen ließ: Machtdemonstration von Richter am Amtsgericht Bonn Fühling.)

 Rechtsanwalt Schmitt sagte ähnliche Dinge, wie 'Staranwalt' Rolf Bossi (siehe unsere Vorstellung seines Buches Halbgötter in Schwarz) oder wie Ex-Oberlandesrichter Dr. Egon Schneider (siehe unsere Vorstellung seines Buches Justizspiegel). Aber er heißt eben nicht Bossi bzw. er war eben kein Oberlandesrichter. Auch Strafverteidiger Dr. Dr. Ralf Hohmann sagt ähnliche Dinge! Er sagt sie nur in anderen Worten, wahrt die Form und ist daher unangreifbar (siehe unser mit ihm geführten Video-Interview Zwischen Rechtsphilosopie und Justizalltag). Prozesse dieser Art, bei denen sich die Justiz damit beschäftigt, sich selbst vor Kritik zu schützen und ihre 'Würde zu wahren', sind in Deutschland keine Seltenheit. Unser letzter LeiDartikel galt einem ähnlichen Thema, nämlich einem Prozess gegen den Leiter dieses Beschwerdezentrums wegen 'Beleidigung von Behördenmitarbeitern' (siehe unseren Bericht Kleine Würstchen unter schwarzen Roben), kurz zuvor mussten wir über einen ähnlichen Prozess gegen einen Justizkritiker aus Amöneburg berichten (siehe unseren Bericht 75 Tagessätze, weil jemand es wagte, sich über die Untätigkeit der Ermittlungsbehörden zu beschweren).

Last but not least: Ist der Anblick eines Menschen zumutbar?
Oder: Wie verbindlich sind in der westlichen Welt Kleiderordnungen?

 Was sagt es über die Behörden einer Stadt wie Freiburg, was sagt es über das Amtsgericht Freiburg und das Oberlandesgericht in Karlsruhe, dass ein Sexualtherapeut und Bürgerrechtler verurteilt wird, weil er in einem Naherholungsgebiet FKK betreibt? Von dem Ort, an dem er FKK betreiben will, bis zu dem Ort in Freiburg, an dem im Sommer Tausende Menschen, mitten in der Stadt, umgeben von Hochhäusern, ohnehin FKK betreiben, sind es etwa 2 Km Luftlinie. Ihm drohen, wenn er auf einem kleinen Berg in Freiburg (Lorettoberg) FKK betreiben will, € 2.500,- 'Zwangsgeld'. Und Richter am Oberlandesgericht Karlruhe Dr. Jürgen Henninger erklärt, warum:

Der Anblick des entblößten männlichen Gliedes ... (ist) auch objektiv geeignet, beim Betrachter Ekel, Abscheu, Schock und Schrecken ...auszulösen. (2Ss 166/99 - 23 OWi AK 139/99)

 Wir berichten hier über Vorgänge in Deutschland, und zwar dem Deutschland kurz vor und nach der Jahrtausendwende. Es geht nicht um Vorgänge in einem totalitären Staat, nicht um Vorgänge der Vergangenheit. Es sind Dinge, die in der Gegenwart passieren.

 Wie peinlich, wenn wir unsere Situation in Deutschland mit der Situation im tief katholischen Spanien vergleichen. Der spanische Naturistenverband ('Federación Española de Naturismo' - FEN) veröffentlich auf seiner offiziellen Hoempage an exponierter Stelle folgenden Hinweis (ein Klick auf das Bild führt direkt zur entsprechenden Seite):



Ich übersetze: "Derzeit ist in Spanien Nudismus (sprich: Nacktheit) überall in der Öffentlichkeit erlaubt. Es bedarf keiner besonderen Erlaubnis. ... (Siehe auch folgenden Flyer, der sich auf die Situation in Barcelona bezieht. Dort hat der Stadtrat explizit gemacht, dass Nacktheit in der Stadt, egal wo, keinen Straftatbestand darstellt. Den Flyer als pdf-File herunter laden können Sie hier.)

 Wie erbärmlich wirkt dagegen die moralisierende Enge der 'Zwangsburger' Behörden (-vertreter), die nicht davor zurück schreckten, einen Psychotherapeuten nur deshalb, weil er FKK an einem nicht explizit dafür vorgesehenen Ort betreiben wollte, in die Psychiatrie einzuweisen versuchten (siehe die lange Liste behördlichen Terrors gegen den Nacktläufer sowie das Intro zu dem oben bereits erwähnten Video-Interview mit Rechtsanwalt Dr. Ralf Hohmann aus Freiburg - rsp. 'Zwangsburg', wie Dr. Niehenke diese Stadt seither nennt).

 Skandalös an diesen Machenschaften der 'Zwangsburger' Behörden (-vertreter) ist, dass sie sich zum Anwalt einer Minderheit von 17 % 'verklemmter Idioten' machen, denn 83 % der Bevölkerung in Deutschland ist es einfach gleichgültig, ob jemand nackt in der Öffentlichkeit herum läuft oder nicht. (Die Bevölkerung, nicht nur in Freiburg, ist wesentlich toleranter und wesentlich klüger als Justiz und Behörden.) Und sollte das, was im tief katholischen Spanien möglich ist, nicht auch in einer Stadt möglich sein, die sich zynischerweise auch noch 'Frei'burg nennt?

Dr. Peter Niehenke
3. 4. 2005


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