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Im Kampf gegen menschliche Grausamkeit ...

... gibt es nur ein wirklich nachhaltig wirkendes Gegenmittel: Menschliche Vernunft!

Paul Schlumpf, 77, wurde, ganz legal, auf Anordnung Schweizer Behörden, wider Willen kastriert, als er 24 Jahre alt war. In einem erschütternden Bericht des Schweizer Magazins FACTS (Klick auf das Bild führt direkt zur Online-Version des Artikels) wird eine Studie von Thomas Huonker ("Anstaltseinweisungen, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisation, Kastration", Zürich 2002) zitiert, der zufolge bis zum Jahre 1970 in Psychiatrien in der Schweiz Tausende von Frauen und Männern (aus oft rassenhygienischen Gründen) zwangssterilisiert und zwangskastriert wurden. Zu den "Ballastexistenzen" (wie sie genannt wurden) oder "Untermenschen" (wie sie auch genannt wurden) gehörten Behinderte, Geisteskranke, aber auch Verarmte und Homosexuelle.

 Gehört die Zeit bis zum Jahr 1970 zur "überwundenen Vergangenheit"? Ist es, gute 30 Jahre später, bereits dem "finsteren Mittelalter" gleichzusetzen? Hat es mit den Zuständen in unserem Land und den Zuständen in der Schweiz im Jahre 2002 nichts (mehr) zu tun? Kann man sich mutig an die Aufklärung wagen, weil man sicher sein kann, dass die Schuldigen, die man finden wird, ohnehin alle nicht mehr leben, die heute Lebendenden (vor allem die, die heute "in Amt und Würden" sind) also von dieser "Aufklärung" nicht (mehr) direkt betroffen sind? - Es ist ja immer wieder beeindruckend, wie einmütig Menschen vergangenes Unrecht zu verurteilen in der Lage sind (Diskriminierung von Juden und Farbigen), sich an Gedenkfeiern und einem Christopher-Street-Day zu beteiligen bereit sind, wie aber die Vernunft plötzlich zu verstummen scheint, wenn es um aktuelles Unrecht, um Verweigerung von Bürgerrechten hier und heute geht, um Rechte, die heute noch nicht von jedermann als solche erkannt werden, so wie noch vor wenigen Jahren die Rechte der Schwulen nicht von jedermann als Rechte erkannt wurden. Es war halt schon immer einfacher, Tote zu ehren ...

 Erinnern wir uns: Wie lang ist es eigentlich her, dass aufgrund einiger grausamer Morde an Kindern eine unglaubliche Hysterie unter der Bevölkerung (und, naheliegenderweise, dann auch unter Politikern, siehe das Beispiel der Kampfhund-Hysterie) ausbrach, die leider bis heute anhält?

 Wie lang ist es her, dass man als Folge dieser erbärmlichen Hysterie, die die Unfähigkeit der Menschen zu vernunftgeleitetem Handeln in Krisensituationen offenbart, harmlose Sexualstraftäter, etwa Exhibitionisten, die äußerstenfalls Anlass zu einer gewissen "Peinlichkeit" geben, zu solchen "Ballastexistenzen" erklärte? Dass hochrangige Politiker sie mit Mördern auf eine Stufe stellten (nach der Weisheit unserer Großmütter: Wer lügt, der stiehlt, und wer stiehlt, steckt auch Häuser an), und aus dieser gedankenlosen Gleichstellung dann ableiteten, dass man von ihnen allen einen "genetischen Fingerabdruck" speichern müsse? (*) Und das, obwohl doch gerade die verantwortlichen Politiker eigentlich wissen sollten, dass selbst eine Studie des Bundeskriminalamtes schon im Jahre 1983 zu dem Ergebnis kommt: "Es gibt keine sexualkriminelle Entwicklung, z. B. vom Exhibitionisten zum Mörder." (dort im Kapitel Sexualdelikt ist nicht gleich Sexualdelikt). Das war doch schon früher beim Einprügeln auf Homosexuelle nicht anders! Auch bei den Schwulen galt: Man kann sich so richtig in "moralischer Untadeligkeit" ergehen, wenn man auf die sog. "Sexualstraftäter" einprügelt. Wer wollte da zurückstehen? Jeder würde sich doch sofort verdächtig machen, der darauf hinweist, dass die sog. Sexualstraftäter der Studie des Bundeskrminalamtes zufolge (von dem Bruchteil gewalttätiger Personen abgesehen) allzu häufig verurteilt werden, obwohl es gar keine "Opfer" gibt! (Genau so war es ja auch bei den Homosexuellen: Da wurden Menschen zu Kriminellen gestempelt, obwohl es gar keine Opfer gab.) Jeder macht sich verdächtig, der erkennt, dass da Sündenböcke gesucht werden, weil man ja für die grausamen Morde irgendeine Gruppe haben muss, die man dafür verantwortlich machen kann. Es ist ein archaisches Muster: Für schreckliche Ereignisse muss irgendwer verantwortlich sein. Dabei wird dann schnell unerheblich, was eigentlich ein 18jähriger, der mit einer 13jährigen Petting macht (was der 13jährigen evtl. auch noch sehr gut gefällt oder wozu sie ihn womöglich sogar "verführt" hat) eigentlich mit einem Mörder zu tun haben soll. Der "Dämon Kindesmissbrauch" erschlägt jede Differenzierung, der 18jährige wird unversehens zu einem "Monster". Das war früher bei den Homosexuellen ähnlich: Der "Dämon Perversität" erschlug jede Differenzierung. - Wieso setzt eigentlich, wenn es um Sexualität und Religion geht, auch bei sonst intelligenten Menschen der Verstand oft einfach aus?

 Damit kein Zweifel aufkommt: Kinder müssen vor sexueller Ausbeutung geschützt werden! Sie müssen aber auch vor materieller Ausbeutung geschützt werden und vor Misshandlung jeder Art und Missachtung ihrer Würde! Ist es da nicht reichlich verdächtig, dass die Tatsache, dass Millionen von Kindern in Deutschland unter der Armutsgrenze leben, dass Kinder seelisch gequält werden, ganz zu schweigen von körperlichen Misshandlungen, zu keiner vergleichbaren Hysterie führt? Auch bei der Berichterstattung über das Leid der Kinder in unserem Land gilt der alte Grundsatz: Sex sells!

Barbarei entsteht häufig ausgerechnet durch Berufung auf die sog. "guten Sitten". (Siehe dazu einen Bericht in DER SPIEGEL: Frau in Nigeria soll gesteinigt werden, weil sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat).

 Auch die Ärzte in der Schweiz waren beunruhigt über das Ansteigen der Zahl der "minderwertigen Menschen", und als minderwertig galt auch das, was nicht im Einklang mit den Vorstellungen von "Sitte und Anstand" zu stehen schien (eben auch Verarmte und Homosexuelle). Heute gilt die Diskriminierung von Homosexuellen als Menschenrechtsverletzung! Es war auch schon damals eine Menschenrechtsverletzung, und man hätte das damals auch durchaus schon wissen können (genau so, wie man von den Richtern der Ex-DDR, die heute vor Gericht stehen, erwartet, dass sie auch schon damals wissen konnten, dass ihre Unrechtsurteile Menschenrechtsverletzungen darstellten). Es ist dieselbe Form ideologie-verblendeter (meist religiöser) Fundamentalismus, der noch bis vor wenigen Jahren zur Diskriminierung Homosexueller führte, der auch die Wurzel dieser Barbarei in Nigeria ist - aber Nigeria ist weit genug weg, und so können wir es uns leisten, uns darüber zu entsetzen, ohne an unsere eigene Barbarei allzu direkt erinnert zu werden.

Es gibt nur ein Gegenmittel gegen Barbarei dieser Art: Auf Argumenten bestehen! Weder Regeln irgendeiner Religion noch irgendwelche "dumpfen Instinkte" aus dem Bauch heraus ("Das gehört sich halt nicht!") dürfen zulässig sein!

 Der Richer, der Oscar Wilde damals wegen homosexueller Handlungen verurteilte, kommentierte, offensichtich angewidert, sein Urteil mit der Bemerkung, er würde, wenn es denn möglich wäre, noch eine viel drastischere Strafe aussprechen, aber leider sehe das Gesetz keine höhere Strafe vor. Er hatte nicht das geringste Gespür dafür, dass er sich mit solchen Worten als jemand outete, der auf der Stufe eines Tieres steht (wenn man Selbstreflexion und Vernunft als charakteristisch für Menschen ansieht), denn sein Urteil war nichts anderes als Ausdruck "dumpfer Instinkte". Die Vermutung ist sicher nicht unberechtigt, dass auch heute noch vermutlich jedes hohe deutsche Gericht in ähnlich menschenverachtender Weise urteilen würde, denn es ist nicht bekannt geworden, dass sich irgendein deutscher Richter von der Formulierung von Dr. Jürgen Henninger vom Oberlandesgericht in Karlsruhe distanziert hätte, der in ein Urteil schrieb, dass der "Anblick des entblößten männlichen Gliedes" objektiv geeignet sei, "Ekel, Abscheu, Schock und Schrecken" beim Betrachter auszulösen. Auch solche Formulierungen sind Ausdruck "dumpfer Instinkte" - und wenn es das Gesetz jetzt nicht anders vorsehen würde, dann würde vermutlich auch dieser Richter Homosexuelle wie Oscar Wilde mit demselben Ausdruck von Angewidert-Sein zu jeder nur denkbaren Höchststrafe verurteilen, denn die gerade zitierte Formulierung ist auch nichts anderes als Ausdruck eines solchen "Angewidert-Seins".

Wir haben kein Recht, die Barbarei in Nigeria zu verurteilen, solange deutsche Richter solche Urteile fällen (dürfen).

 Was uns von Nigeria unterscheidet, ist nur das Strafmaß. Das Prinzip, dass die Vorstellungen von Anstand und Moral einer Minderheit von religiösen Irren zum Maßstab von Richtersprüchen gemacht wird, das ist hier ja auch nicht anders. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es eine Möglichkeit gibt, diese menschenverachtende Formulierung von Richter Henninger in Einklang mit humanen Prinzipien zu bringen.

Dr. Peter Niehenke
16. 3. 2002

 *) In einem von dpa am 7. März 2002 verbreiteten Interview meinte der Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Edmund Stoiber, er wolle sehr rasch ein Gesetz vorlegen: "Mein Ziel ist es, dass Sicherungsverwahrung bei solchen Verbrechen schon gegenüber Ersttätern und auch gegenüber Heranwachsenden verhängt werden kann." Außerdem sollte das Erbgut aller Sexualstraftäter, also auch so genannter Spanner, in der bundesweiten DNA-Datei gespeichert werden. Heranwachsende sollten nach dem Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt, die Jugendhöchststrafe bei schwersten Verbrechen von 10 auf 15 Jahre erhöht werden. Kindesmissbrauch solle nicht mehr nur als Vergehen, sondern künftig als Verbrechen geahndet werden.

Auch in Australien wird eine ähnliche Debatte sehr kontrovers geführt. Für Leute mit guten Englisch-Kenntnissen daher der folgende Link: Panic rules reality in child abuse debate.

Nachtrag: Der Bericht in FACTS weckte bei unserer Redaktion Erinnerungen an einen Mann aus Freiburg im Breisgau, der von den Freiburger Behörden vermutlich auch als eine solche "Ballastexistenz" eingestuft wird. (Siehe: Die Katastrophe des Herrn Greulich, der sich nicht ducken wollte.

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