Fälle, die hier nicht vorgestellt werden
Die Wut des Mannes am anderen Ende der Leitung ist überdeutlich. Mitten im Gespräch legt er einfach den Hörer auf ("Das ist mir zu dumm!"). Aber er ruft wieder an. Wir versuchen es erneut: Ich versuche, ihm begreiflich zu machen, dass nicht automatisch ein "Justiz-Skandal" vorliegt, wenn er, wie ich ihm persönlich durchaus glaube, unschuldig verurteilt worden ist. Ich selbst bin auch schon in einem Verfahren um einen Verkehrsunfall unschuldig verurteilt worden: Im anderen Auto saßen halt außer dem Fahrer zwei Freunde des Fahrers, die als "Zeugen" seine Version des Unfallhergangs bestätigten. Und es war Abend und weitere Zeugen gab es nicht. Der Richter gab in der Verhandlung durchaus zu erkennen, dass er Zweifel an der Version meiner Gegner habe - aber er kann ja auch nicht einfach aus einem "Gefühl" heraus die Aussagen von zwei Zeugen außer Acht lassen, wenn sie sich in keine offensichtlichen Widersprüche verstrickt haben. Ein solches Urteil hätte in einer höheren Instanz auch vermutlich ohnehin keinen Bestand.
Ich denke an den Fall eines Mannes, den ich nach drei Stunden Aktenstudium in einem einstündigen Telefonat überzeugen konnte, dass er sich, kritisch betrachtet, zu Unrecht über das Urteil gegen ihn aufregt. Ich konnte ihm deutlich machen, dass ich an der Stelle der Richters genau so entschieden hätte. Auf meine Argumente reagiert er betroffen: "So habe ich das noch gar nicht gesehen!" - Diese seine Einsicht kostete mich vier Stunden Arbeit - und kein "verwertbarer" Artikel für das Beschwerdezentrum war der Lohn ...
Ich denke an eine einfache Frau, deren jüngster Sohn ihrer Meinung nach zu Unrecht psychiatrisiert wird. Ich bitte sie, wie ich das immer tue, den Fall in Kurzform schriftlich darzustellen und dabei zu benennen, wo sie Verfehlungen seitens der Behörden und/oder der Justiz sieht. Sie ruft mich nach einigen Wochen an, weil sie mit dieser Aufgabe völlig überfordert ist: Es sei einfach viel zu viel, was man ihr und ihrem Sohn alles angetan habe. Sie sei nicht in der Lage, das zu Papier zu bringen, weil sie unter den vielen Geschehnissen nicht auswählen könne. Sie bittet mich, mir alles erzählen zu dürfen, und ich möge dann das Wichtige vom Unwichtigen scheiden. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass die Frau zwei (weitere) erwachsene Söhne hat (etwa 35 Jahre alt). Und auf meine Frage, warum denn diese Söhne nicht mit ihrem Bruder solidarisch seien und ihr bei der Abfassung des Berichts nicht helfen würden, gibt sie die Antwort, diese Söhne seien nur "Halbbrüder", und sie hätten Angst, sich gegen die Behörden ihrer Stadt zu stellen.
Ich denke an eine Frau, die sich mit ihrem Mann über das Aufenthaltsrecht ihrer zwei kleinen Kinder (sechs und acht Jahre alt) streitet. Eine Amtsrichterin hat (das ist erstaunlich) ausnahmsweise gegen die Mutter entschieden und verfügt, dass die Kinder bis zu einer endgültigen Entscheidung in ihrer bisherigen Umgebung (das heißt in diesem Fall: beim Vater) verbleiben sollen. Die intelligente Frau erhebt schwere Vorwürfe gegen den Vater der Kinder (er misshandle die Kinder körperlich), gegen die Richterin (es gehe um eine "alte Rechnung") und gegen das Jugendamt. Sie kann tatsächlich Kopien von gutachterlichen Stellungnahmen von Ärzten und Psychologen (einer Klinik) vorlegen, in denen von einem Verbleib der Kinder beim Vater abgeraten wird. Sogar von Suicidgefährdung ist bei einem der beiden Kinder die Rede.
Die Frau verhält sich mir gegenüber äußerst kooperativ, nennt mehrere Kontaktadressen (u. a. zu der Klassenlehrerin von einem der Kinder, Ärzten und Jugendamtsmitarbeitern). Sogar ein Telefonat mit dem älteren der beiden Kinder wird ermöglicht. Und während dieses Telefonats kommen mir, als Therapeuten, Zweifel, ob die Darstellung des Kindes, was die angeblichen Misshandlungen durch den Vater angeht, glaubwürdig ist. (Der Junge gibt sich z. B. äußerst selbstbewusst und verkündet, vor dem Vater keine Angst zu haben, eine Aussage, die bei einem Achtjährigen mit schweren Misshandlungen durch den Vater kaum in Einklang zu bringen ist.) Es kristallisiert sich der Eindruck heraus, dass der Kleine einfach weiß, was er zu sagen hat, um zu erreichen, dass er bei der Mutter bleiben kann (dieser Wunsch scheint wirklich ehrlich, und eigentlich sollte dieser Wunsch ja genügen - insofern bleibt die Verfügung der Richterin schwer nachvollziehbar). Ein Gespräch mit der Klassenlehrerin vertieft die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Jungen (keine Verwahrlosung, saubere Hausaufgaben) und auch sie hält Misshandlungen durch den Vater nicht für sehr wahrscheinlich. Der Junge scheint auch sonst durchaus zu Übertreibungen zu neigen und scheint im übrigen ganz gut gelernt zu haben, welche "Knöpfe" man bei Erwachsenen drücken muss ... - Leider ist der Vater, ein einfacher Mann, zu keinem Interview bereit, und seine Rechtsanwältin ist auch ausgesprochen wenig kooperativ.
Es stecken bereits fünf Stunden Arbeit in dem Fall. Doch "der Skandal" zerrinnt mir zusehens unter den Fingern. Es sieht so aus, dass auch diese fünf Stunden Arbeit wieder nicht durch einen Leitartikel für das Bescherdezentrum "belohnt" werden würden, denn es geht ja nicht darum, einfach "einen Skandal" herbei zu reden - und schon gar nicht, wenn das auf Kosten eines evtl. doch "unschuldigen" Vater geschehen sollte.
Dr. Peter Niehenke 28. Oktober 2001
|