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'Heuchlerisches' Amerika

Ein Land der "unbegrenzten Seltsamkeiten"

Ein "God Bless The Free World" - würde es nicht besser klingen als "God Bless America"?

Es gibt ein Unbehagen gegenüber Amerika, auch in unserer Bevölkerung. Dieses Unbehagen wird in den Medien nur selten thematisiert (eine der wenigen Ausnahmen bildete die Sendung PANORAMA von Donnerstag, 11. Oktober 2001). Mit Erschrecken habe ich in meinem persönlichen Umfeld nach den Anschlägen auf das WTC in New York eine Art "Zustimmung" (Verständnis) festgestellt, auch und gerade bei Menschen, die ich als ausgesprochen friedfertig, ja sanftmütig kenne. Was könnte die Ursache sein, dass friedliebende Menschen Verständnis oder gar verhaltene Zustimmung bei einem solchen Massenmord signalisieren?

 Als Psychologe weiß ich, dass Ungerechtigkeit, verübt von Mächtigen, Hass produziert: Ohnmächtig einer offensichtlichen Ungerechtigkeit ausgeliefert zu sein, erzeugt Hass. Hier im Beschwerdezentrum werden Fälle thematisiert, in denen Menschen ebenfalls ohnmächtig offensichtlichen Ungerechtigkeiten ausgeliefert sind, begangen von der Justiz und/oder von Behörden. Aus Briefen und den in den Foren publizierten Artikeln spürt man, dass offensichtlich unlogische oder gar ideologische Urteile die Betroffenen "rasend" machen vor Wut.

 Wie mögen sich die Araber fühlen, wenn das mächtigste Land der Welt "mit zweierlei Maß" misst, wenn es auf die Verletzung von UN-Resolutionen durch Israel mit "Verständnis", auf die Verletzung von UN-Resolutionen durch arabische Länder aber mit Bomben reagiert? Auch das erzeugt Hass! Denn derartige Vorgehensweisen erwecken den Eindruck, dass es sich bei den "Begründungen" für solcherart Vorgehen um Schein-Argumente handelt, dass eigene Prinzipien (Befolgung von UN-Resolutionen) bedenkenlos verletzt werden, sobald eigene Interessen bedroht sind (die sog. Prinzipien also nichts weiter als "Waffen" für die Durchsetzung eigener Interessen sind).

 Diese Nation (Amerika) fällt in der Tat durch eine Reihe von "Seltsamkeiten" auf. Sie kämpft z. B. gegen religiöse Fundamentalisten, aber in kaum einem anderen westlichen Land dürfte es mehr religiöse Fanatiker geben als gerade in den USA. Ist das ein Zufall?

 Eine weitere der vielen schwer zu verstehenden Seltsamkeiten in der Psyche dieser Nation liegt in dem Umstand, dass die Bevölkerung offenbar mehrheitlich die Todesstrafe befürwortet, auf der anderen Seite (aus einer religiös-dogmatischen Haltung heraus) das Recht der Menschen auf Freitod aber negiert. Der Staat also darf Menschen töten, die Menschen dürfen aber sich selbst nicht töten. In diesem Land greifen militante Gegner der Abtreibung (Fundamentalisten eben) zu dem Mittel, Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, zu ermorden. "Mord" im Namen der Ächtung von "Mord". Verrückter kann man nicht mehr handeln!

 Ähnlich heuchlerisch ist bekanntermaßen der offizielle Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität (siehe dazu auch unsere Meldung Amerika - wie in einem schlechten amerikanischen Film). Ein Amerikaner darf mit 18 Jahren Menschen töten, wenn er als Soldat "für sein Vaterland" in den Krieg zieht. Aber er darf erst mit 21 Jahren einen Sex-Shop oder eine Bar besuchen! (Es ist ja auch so viel gefährlicher für sein seelisches Gleichgewicht, mit "käuflicher Liebe" konfrontiert zu werden, als Menschen zu killen und sterben zu sehen.) Derartige Doppelmoral verdient nur eine Kennzeichnung: Widerlich!

 Derartige "Seltsamkeiten" gibt es aber selbstverständlich nicht nur in den USA, obwohl sie dort aufgrund des weit verbreiteten religiösen Fundamentalismus sehr viel häufiger anzutreffen sind, sondern es gibt sie auch in unserem Lande. Auch in unserem Lande setzt bei an sich intelligenten Menschen der Verstand oft schlicht aus, wenn es um die Themen Sex und/oder Religion geht. Anläßlich des Freitods (und nicht, wie es unverschämerweise oft genannt wird, des "Selbstmords") von Hannelore Kohl im Juli dieses Jahres schrieb Angela Merkel in einem Brief an den Vorsitzenden des "Bundes für Geistesfreiheit" (Augsburg), Gerhard Rampp, u.a.: "Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen bezweifle ich also nicht. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass das Selbstbestimmungsrecht nur dann moralisch ausgeübt wird, wenn es in Verantwortung wahrgenommen wird. - Dieser Verantwortung entspricht es nach meinem Verständnis nicht, wenn ein Mensch willkürlich über das Leben verfügt. Das gilt - bei allem Mitgefühl für einen Sterbenden - auch für diesen." (zitiert nach: Humanes Leben - Humanes Sterben, Nr. 4/2001 der Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V., Seite 4). Wenn solche Leute an die Regierung kommen, dann werden sie nicht zögern, derartige Ideologie zum Maßstab für Gesetze zu machen! In einem multikulturellen demokratischen Staat sind aber persönliche religiöse Überzeugungen Privatsache. Deutschland soll (hoffentlich) ja kein "Gottesstaat" werden, auch (und insbesondere!) keiner nach christlicher Manier!

 Das Christentum hat nun wahrlich in seiner Geschichte eine schier unglaubliche Schuld auf sich geladen, hat sich mit so viel Blut Unschuldiger besudelt, ruft in seiner "Bibel" zu derartigen Grausamkeiten auf (wer die Bibel wirklich liest, wird sehr schnell finden, dass sie eigentlich wegen Gewaltverherrlichung auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften gehört), dass es sich wahrlich nicht als "moralischer Maßstab" für einen humanen Staat eignet! Noch heute wird im Namen dieses Christentums "seelische Grausamkeit" gegen Kinder verübt, wenn ihnen eingeredet wird, die Befriedigung ihrer natürlichen sexuellen Bedürfnisse sei "eine Sünde", und sie mit "Schreckensbildern" wie Hölle und Fegefeuer terrorisiert werden. Menschenverachtender kann doch eine Lehre kaum noch sein!

 Religiöser Fundamentalismus tritt sehr leicht in Gegensatz zu Humanität, Mitgefühl (für das Leid von Menschen) und Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Das macht ihn gefährlich und er muss daher bereits an seinen Wurzeln bekämpft werden (insbesondere muss verhindert werden, dass er auf politische und juristsche Entscheidung Einfluss nimmt!). Das zeigen die Anschläge von New York. Und da schließt sich der Kreis.

Dr. Peter Niehenke
13. Oktober 2001

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