Peinliche Geschäfte mit der Eitelkeit
Der "feine" Unterschied zwischen "Who's Who" und "Who is Who"
 Geschäftsmäßig freundlich und routiniert sagt mir die Dame am Telefon: "Hier ist die deutsche Redaktion des Who is Who. Könnte ich bitte mit Herrn Dr. Niehenke sprechen?" - "Am Apparat." - "Sie sollen in die neue Ausgabe des 'Who is Who' aufgenommen werden, und ich würde gern einen Termin für einen kurzen Besuch von einem unserer Redakteure mit Ihnen vereinbaren."
Ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend: Im "Who is Who" zu stehen, hieß, bedeutsam zu sein, eine Person der Zeitgeschichte, überragendes geleistet zu haben. Heute sind, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, allein im deutschen "Who is Who" etwa 50.000 Personen mit Adressen und Kurzbiografie vertreten. Aus "Die oberen 10.000" sind "Die oberen 50.000" geworden. Ich scheine nun also zu diesen irgendwie bedeutsamen etwa 50.000 Deutschen zu gehören. Also gut! Eigentlich habe ich zwar momentan wirklich gar keine Zeit, aber für eine Aufnahme in den "Who is Who" ...
Der Redakteur, Herr Woelk, der zwei Tage später in meine Praxis kommt, ist ein freundlicher Mann mit etwas rundlicher Statue. Wir kommen sofort zur Sache. Er erfragt meine Ausbildungen, wichtige Vorfahren, Ehrungen und Publikationen. Bereitwillig erzähle ich ihm alles, wundere mich allerdings ein wenig, weil er sich scheinbar nicht nur für "objektiv erbrachte Leistungen" zu interessieren scheint. Aber ich bin noch nie in ein Personenlexikon aufgenommen worden und denke, daß es vielleicht üblich sei. Ich frage ihn, was mir eigentlich die Ehre verschaffe, in den "Who is Who" aufgenommen zu werden. Die Antwort hätte mich stutzig machen sollen. Er sagt nämlich, der Grund sei eine "Empfehlung". Völlig arglos interpretiere das so, daß jemand die Redaktion halt auf meine Person aufmerksam gemacht hat. Es ist schließlich und immerhin der "Who is Who".
 Meiner Aufmerksamkeit entgeht allerdings nicht, daß er zwar viele Dinge erfragt und vorgibt, sie auch zu protokollieren, daß er dabei aber keinesfalls sehr "sorgfältig" zu Werke zu gehen scheint. Ich sitze ja oft Journalisten gegenüber, kenne diesen Rhythmus von 'Sprechen' und 'Pausen lassen', damit der Journalist mit dem Schreiben nachkommt. Was dieser Mann da tut, erinnert mich unwillkürlich an die Zeit, als die Kinder noch im Vorschulalter waren und "Interview" spielten. Ihr "Gekritzel" kannte natürlich keinen Unterschied zwischen langen und kurzen Worten, langen und kurzen Sätzen. Niedlich zum Schluß dann der mit Schwung gesetzte "Punkt" am Ende eines Satzes. Mir fällt auf: Genau so setzt auch der Herr Woelk gerade einen Punkt, lange bevor er das, was er zu protokollieren vorgab, überhaupt zuende geschrieben haben kann.
Nach Abschluß des "Interviews" wird das merkwürdige Gefühl, das ich die ganze Zeit habe, noch einmal stärker, weil mir atmosphärisch deutlich wird, daß wir scheinbar jetzt irgendwie zu dem wirklich "wesentlichen Teil" seines Besuchs kommen. Man spürt förmlich die Veränderung in seiner Stimme, seiner Haltung, seiner Konzentration: War bisher alles eher locker, so geht es jetzt für ihn offensichtlich "zur Sache". Und worin besteht der jetzt folgende "bedeutsame Teil" seines Besuchs? Nun: Er stellt mir die verschiedenen Ausgaben des "Who is Who" vor (die preiswerte Ausgabe in Leinen, eine edle und aufwendig gestaltete Ausgabe in Leder und eine besonders luxuriös gestaltete Ausgabe mit einer vergoldeten Datenbank-CD in einer aufwendigen Schatulle, letzteres zum stolzen Preis von etwas mehr als eintausend Mark!). Und ich beginne mich zu fragen: "Ist er nun 'Redakteur' oder ist er ein 'Vertreter'?".
 | Mißtrauisch geworden frage ich nach, ob er wirklich Redakteur bei dem 'Who is Who' sei. Er gibt mir seine Visitenkarte und holt ein schwarzes dickes Buch aus seiner Aktentasche. In goldenen Lettern auf schwarzem Untergrund lese ich dort: "Who is Who in der Bundesrepublik Deutschland, A - F". |
Ich gehe in mein Büro, weil ich den "Who is Who" anders in Erinnerung habe, und hole die (allerdings schon etwas ältere) Ausgabe des "Who's Who", den ich seit Jahren besitze, zum Vergleich. Die beiden Bände sind rot. So kenne ich auch den "Who's Who". Das sei "die rote Ausgabe", meint Herr Woelk. Es gibt also mehrere "Who is Who"? Ich vergleiche die Verlage, und da, endlich, spät, aber nicht zu spät, fällt mir der "kleine Unterschied" auf:
 | versus | . |
Ich blättere ein wenig im "Who is Who" und stoße auf Anita Becker. Sie ist ausgebildet als staatlich geprüfte Kosmetikerin und übernahm im Jahre 1985 ein Lederwarengeschäft, kann ich dort lesen. Ich frage mich und ihn: Wer ist Anita Becker? Er zuckt mit den Achseln. Jetzt will ich es genauer wissen. Ich schlage Boris Becker nach. Und tatsächlich. Er ist aufgeführt. Jetzt weiß ich sogar, was seine Hobbies sind: "Fußball, Basketball, Schach, Backgammon". Ob er wohl weiß, in welchem "Lexikon" er da steht ...?
 Ich frage den freundlichen Mann erneut, wer denn Anita Becker sei. In dem Lexikon stehe, sie sei ausgebildet als staatlich geprüfte Kosmetikerin und habe im Jahre 1985 ein Lederwarengeschäft übernommen. Ich könne nicht erkennen, aufgrund welcher Leistungen sie im "Who is Who" aufgeführt sei. Er zuckt erneut mit den Achseln und meintm wenn es da stehe, dann sei sie wohl eine Kosmetikerin und eine Kauffrau. Ich frage erneut, worin denn die besondere Leistung dieser Frau bestünde. Er zuckt wieder mit den Achseln. Dabei schaut er mich etwas hilflos an. Ich frage, mittlerweile etwas ungeduldig, wie die Frau Becker denn in den "Who is Who" gekommen sei. Er antwortet, und dabei schaut er mich treuherzig mit seinen sanften "Kuhaugen" an: "Durch eine Empfehlung." Jetzt beginne ich zu verstehen: "Und wer kann ihrer Redaktion solche Empfehlungen geben?" - "Jemand, der schon in den 'Who is Who' aufgenommen wurde", ist seine Antwort.
 Jetzt erst begreife ich richtig: Was dieser Verlag betreibt, ist also nichts weiter als ein lächerliches Geschäft mit der Eitelkeit von Menschen, die halt gern in einem Lexikon aufgeführt sein möchten. Und alle Leute, die vielleicht ein wenig "aus dem Rahmen fallen" (ein klein wenig "wichtig" sind, sich aber vielleicht für wesentlich wichtiger halten), sind potentielle "Opfer", denen man hier für teures Geld eine Illusion (ein völlig nutzloses unglaublich teures Buch) verkaufen kann, einfach deshalb, weil sie stolz darauf sind, in diesem "Lexikon" aufgeführt zu sein. Zwar betont der Mann entschieden, daß die Aufnahme in dieses wertvolle Buch "völlig unabhängig" davon sei, ob man auch ein Exemplar erwerbe, aber was nutzt ein Eintrag in einem solchen "Lexikon", wenn man nicht auch ein Exemplar davon besitzt ... ? Und wenn selbst die preiswerteste Version dieses "Lexikons" als Subskription 642,- DM kostet, dann ist ein solcher Eintrag im Prinzip nichts weiter als eine raffiniert erschlichene völlig sinnlose bezahlte Anzeige in einem Buch ohne jeden Informationswert (den Lesern, die das Beschwerdezentrum schon länger kennen, wird eine interessante Parallele nicht verborgen bleiben zu einem ähnlichen Fall: 1st European City Guide).
Wie konnte ich aber auch nur so vermessen sein zu glauben, ich solle in den "Who's Who" aufgenommen werden? Das wird mir hoffentlich eine Lehre sein. Ein wenig tröstet mich dabei, daß offensichtlich schon ganz andere Leute diesen "feinen Unterschied" wohl nicht wahrgenommen haben, wie die hier gezeigten Ausschnitte aus dem Werbeprospekt zeigen.
Dr. Peter Niehenke 29. April 2001
Siehe auch: HAMBURGER MORGENPOST: Der (Schweizer) 'Who is Who' auf 'Bauernfang'. (1. 7. 2001)
Am 20. August 2001 erreichte uns folgende Mail:
Sehr geehrter Herr Dr. Niehenke,
durch Zufall sind wir auf Ihren Artikel unter www.beschwerdezentrum.org
gestossen und möchten Ihnen gerne beiliegend eine kurze Information über die
Arbeitsweise von Hübners blauem Who is Who zukommen lassen. Aus dieser
werden Sie ersehen, dass ein Who is Who, in dem nur die "Oberen Zehntausend"
eines Landes Aufnahme finden, eigentlich der Vergangenheit angehört.
Ausserdem finden Sie hier Informationen über andere Verlage und Mitbewerber.
Wir danken Ihnen gleichzeitig für die Übermittlung Ihrer Eindrücke über
Herrn Woelk. Diese Meinungen schätzen wir besonders, denn nur so können wir
mehr über die Arbeitsweise unserer Redakteure erfahren und eventuelle
Fehler beseitigen.
MfG
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Mag. Dorota Markiewicz-Chimiak
Tel. (0043 1)891 35-17
Fax: (0043 1) 894 98 20
www.whoiswho-verlag.ch
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