Die Kinder (der Revolutionäre) fressen die Revolution
Die Tochter von Ulrike Meinhof, Bettina Röhl, bei Wieland Backes im ...
 Ausstrahlung am Freitag, 20. April 2001, 21.45 Uhr (SWR) (auch
via Satellit zu empfangen)
Bettina Röhl ist Journalistin. Bekannt ist sie, weil sie die Tochter von
Ulrike Meinhof ist. Aktuell in die Schlagzeilen geraten ist sie, weil sie
Bilder von Joschka Fischer ausfindig gemacht und publiziert hat, auf denen
Joschka Fischer (einen) Polizisten verprügelt.
Ich bekenne: Ich mag Fischer! Was ich von ihm in den letzten Jahren in Interviews gehört und was ich von
und über ihn gelesen habe, hat mich von seiner Integrität überzeugt. Ich
halte ihn (noch immer) für eine "ehrliche Haut"!
Nun habe ich anläßlich meiner Teilnahme an der Talkshow "Nachtcafe"
Bettina Röhl, die Tochter von
(der RAF-Terroristin) Ulrike Meinhof, kennengelernt. (*)
Sie erzählt in der Sendung (vor allem aber auch nach der Sendung) viele
Dinge über Joschka Fischer und seine Vergangenheit, von denen ich nicht
nachprüfen kann, ob sie wahr sind. Das wäre allerdings kein Grund, diese
Angelegenheit hier, im Beschwerdezentrum, zu thematisieren, denn das Beschwerdezentrum ist, ganz bewußt, kein Forum für "allgemeine politische
Fragen" (dafür gibt es genügend andere Foren im Netz).
Der Grund, die Recherchen der Journalistin Bettina Röhl hier zu thematisieren,
liegt darin, daß Bettina Röhl in (vor allem aber nach) der Sendung schwere
Vorwürfe gegen die Justiz erhebt, von "Verhinderung von Ermittlungen" spricht,
weil heute, auch in der Justiz, Alt-68er (sozusagen "alte Weggefährten" von Joschka Fischer) Schlüsselpositionen einehmen würden. Das, was sie da berichtet, erinnert
mich einfach sehr an eigene Erfahrungen und Erfahrungen von Leidensgenossen beim
Thema "Filz" (und Machtmißbrauch) in Justiz und Behörden!
An der Talkrunde nimmt auch Prof. Dr. Johano Strasser,
Generalsekretär des PEN Club, teil. Er bezichtigt
Bettina Röhl in der Sendung übrigens des "Denunziantentums" und sucht ihre "Motive" für
die Recherchen gegen Fischer
zu erforschen.
Ich kann ihre Reaktion in der Sendung sehr gut verstehen, daß sie derart
Psychologisierungs-Versuche ärgerlich als "das immer gleiche Gelaber der Alt-68er"
qualifiziert, denn als
Journalistin erwartet sie zu Recht, daß man sich an den Ergebnissen
ihrer Recherche und nicht an ihren Motiven für diese Recherche orientiert!
Strasser, ein erfahrener "Alt-68er", behauptet dann auch noch, daß
die Tatsache, daß es kein Ermittlungsverfahren bezüglich der Vorwürfe von
Bettina Röhl gegen Fischer gebe, ein Hinweis auf fehlende Verdachtsmomente sei.
An dieser Stelle möchte ich am liebsten "Heilige Einfalt!" ausrufen. So naiv
darf ein Mann wie Strasser einfach nicht argumentieren. Die Justiz war nie
wirklich (politisch) "neutral", und sie ist es selbstverständlich auch heute nicht.
Ein Mann mit den Erfahrungen wie Strasser muß das doch wissen (sonst kann
ich ihm nur anempfehlen, sich auf den Seiten des Beschwerdezentrums ein wenig
kundig zu machen ...).
Ich habe sehr viel Sympathie für die 68er Zeit! Es ist eine Zeit, die sehr
viel verändert hat, die geholfen hat, daß muffige und menschenverachtende
gesellschaftliche Konventionen (z. B. den Bereich der Sexualität betreffend)
gelockert oder aufgelöst wurden. Ich kann sogar gut verstehen, daß "Aktivisten"
in dieser Zeit zur Gewalttätigkeit geneigt haben, denn die Mauer, gegen
die sie zunächst vergeblich anzurennen versuchten, die aus einer
widerlichen Kombination aus Macht und Arroganz der Konservativen bestand,
erzeugt eine ohnmächtige Wut und erzeugte diese Wut auch in mir.
Derartige Gewalt, wie sie dann teilweise angewendet wurde, war zwar nie meine
Sache, aber ich kann, besonders nach meinen
aktuellen Erfahrungen mit Behörden und Justiz, die "ohnmächtige Wut" verstehen,
die man damals empfunden hat, und daß man als junger Mensch das Bedürfnis hatte,
da einfach "dreinzuschlagen". Das alles kann ich verstehen, und ich glaube, ich
könnte auch Joschka Fischer verstehen, wenn das, was Bettina Röhl über ihn
herausgefunden zu haben meint, wahr sein sollte (er soll zu Gewalttaten aufgerufen
haben und sogar selbst Brandsätze geworfen haben).
Ich kann sogar verstehen, daß es Leute gibt, die es politisch für vertretbar halten, solcherart Informationen zu unterdrücken
oder deren Verbreitung zu behindern. Ich verstehe das Argument, daß es von der
gesamtpolitischen Lage her besser sei, daß derart Informationen nicht an die
Öffentlichkeit kommen, denn die Frage sei: "Was wäre denn die Alternative zu Joschka Fischer und anderen, die derzeit an der Spitze unseres Staates
stehen?". Manche überlegen daher vermutlich, (und vermutlich nicht einmal völlig zu
Unrecht), was man denn davon hätte, wenn man eine Partei wie "Die Grünen" und einen
Politiker wie Joschka Fischer schwächt (die Öffentlichkeit und viele Teile der
Medien haben für differenzierte Argumente in aller Regel nämlich leider wenig
Sinn).
So sehr ich das alles verstehe: Es ist objektiv falsch! "Filz" darf in unserem Staat nicht geduldet werden!
Die Fakten (die Wahrheit) sind letztlich wichtiger als solche Überlegungen!
Die Bevölkerung muß lernen, daß auf unsere Staatsorgane, auf die Justiz, auf
Behörden (-vertreter) und die Politiker nicht viel Verlaß ist!
An den Schlüsselpositionen der Macht sitzen schlicht
Menschen, und diese Menschen haben Vorlieben und Abneigungen, können von "Begehren"
unterschiedlichster Art getrieben sein (siehe Bill Clinton), haben ihre Vergangenheit
und sind in aller Regel korrumpierbar.
Die einzige Sicherheit besteht darin,
Justiz und Staatsapparat wirksam und beständig zu kontrollieren! Auch Joschka Fischer! Auch
unsere politischen Freunde! Das mag kurzfristig mal unseren politischen Feinden
in die Hände spielen, sie mögen einen tagespolitischen Vorteil für sich daraus
schlagen, aber Filz ist immer unerträglich, auch und gerade, wenn er im Lager der
(politischen) Freunde angesiedelt ist.
Dr. Peter Niehenke 1. April 2001
*) Ich empfinde
es, nebenbei gesagt, als eine Pikanterie der Geschichte der RAF, daß ausgerechnet
Röhl, Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof und Vater von Sabine Röhl, heute eine bekannte
Größe der rechten Szene ist. Es kommt mir der Verdacht, als sei die Tendenz zum
"Terror" die wahre Konstante bei diesen Menschen, daß dagegen die Orientierung
nach "rechts" oder "links" eher unwesentlich und austauschbar ist.
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